4 Aspekte für ein emotionales Gleichgewicht

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Um unsere engsten Beziehungen zu erfüllten Beziehungen erblühen zu lassen, müssen wir in unserem Leben immer wieder drei Ebenen reflektieren.

Die erste Ebene ist die der Selbstreflexion. Mit ihr verbinden sich auch Schlagworte wie Selbstentfaltung, Selbstempfindung oder Selbstbestimmung. Wer bin ich? Was will ich? Wohin zieht es mich? Was sind meine Werte und Ziele im Leben? Auf dieser Ebene geht es darum, immer wieder zu erspüren, was mir gut tut, was mir Energie gibt und auch, was mir Energie raubt. Es geht um meine ganz individuellen Bedürfnisse, ganz unabhängig übrigens von meinem Partner, meinen Kindern und dem Rest der Familie. Es geht darum, mein Selbst zu stärken und mir dieser Stärke vor allem auch bewusst zu sein.

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Auf der zweiten Ebene geht es um die Gestaltung von Beziehungen und hier vor allem um Zweierbeziehungen, also um die Paarebene. Auch wenn ihr als Elternpaar getrennte Wege gehen solltet, seid ihr dennoch als Elternpaar verbunden. Und wenn Du alleinerziehend sein solltest, rückt hier Dein soziales Netzwerk in den Blick bzw. Dein Wunsch nach Zweisamkeit. So stehen auf dieser Ebene zum Beispiel folgende Fragen im Fokus: Was ist mir in einer Beziehung wichtig? Wie verhalte ich mich meinem (Ex-)Partner gegenüber? Erkenne ich die Individualität meines Partners an, sehe ich ihn bzw. sie wirklich? Schenken wir uns gegenseitig Energie oder rauben wir uns einander Energie? Wachsen wir gemeinsam an Herausforderungen? Als (Eltern-)Paar seid ihr quasi die Architekten eures Familienlebens. Arbeitet ihr als Team oder beschränkt ihr euch gegenseitig, auch in eurer Selbstentfaltung?

Auf der dritten Ebene sollten wir unsere Beziehungen innerhalb des vielschichtigen, dynamischen Systems unserer Familie reflektieren. Wie verhalte ich mich als Mutter oder Vater? Wie agiere ich, wie mein Partner innerhalb dieses Systems? Wie agieren wir als Paar? Wie reagieren unsere Kinder? Wie kommunizieren wir miteinander? Eurer Familiensystem könnt ihr euch wie ein Mobile vorstellen,  alles steht hier miteinander in Verbindung. Und unsere Kinder halten uns den Spiegel vor. Damit meine ich, wenn etwas nicht wirklich stimmig ist im Gesamtgefüge einer Familie, dann sind es vor allem die Kinder, die ihren Emotionen noch ganz uneingeschränkt freien Lauf lassen und uns somit auf die verletzte, brüchige Stelle im System aufmerksam machen.

Die drei Ebenen verstehe ich hierarchisch, denn erst wenn ich weiß, wer ich bin, was ich will etc., kann ich auch mit persönlicher Integrität in einer Zweierbeziehung leben. Die Qualität der Paarbeziehung widerum bestimmt maßgeblich, wie souverän wir als Eltern gemeinsam das Familienleben mit unseren Kindern gestalten.

Ich möchte euch heute gerne vier wesentliche Aspekte für ein emotionales Gleichgewicht vorstellen, die für alle drei Ebenen äußerst bedeutsam sind.

Der amerikanische Psychologe und Sexualtherapeut David Schnarch hat im Laufe seiner Arbeit mit Paaren vier Aspekte als essentiell für erfüllte sexuelle Beziehungen, und allgemein für menschliche Beziehungen, herausgearbeitet (→ David Schnarch: Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen) Die 4 Aspekte richten den Blick auf die Stärke und Eigenständigkeit unserer Persönlichkeit, die in jeglichen Beziehungen von Bedeutung sind und sich auch auf Interaktionen mit unseren Kindern, Eltern, Freunden und Kollegen auswirken.

  1. Ein stabiles und flexibles Selbst (Solid Flexible Self TM)

Du solltest Klarheit darüber gewinnen, wer du bist, was du wirklich willst, welche Ziele du anstrebst und nach welchen Prinzipien du dabei leben möchtest. Vor allem wenn in unserer Umgebung Menschen leben, die uns zu manipulieren versuchen oder uns verunsichern, ist es wichtig, bei sich zu bleiben. Je stabiler Dein Selbstempfinden ist, umso besser kannst du auch zulassen, dass dein Partner in deinem Leben eine wichtige Rolle einnimmt. Du bist dann klarer in deiner Kommunikation, übrigens auch deinen Kindern gegenüber. Du kannst dich zeigen, wie du bist, du bist authentisch. Du kannst bei anderen Menschen Rat suchen, dich von ihnen inspirieren und sogar in deinen Entscheidungen beeinflussen lassen. Aber du hast es selbst in der Hand, diese Entscheidungen wieder abzuändern bzw. anzupassen. Du kannst dich nämlich flexibel verhalten, ohne deine Identität und Integrität zu verlieren. Du bist der Hauptdarsteller und zugleich Regisseur deines Lebens und hast die Macht über das Drehbuch! Gleichzeitig sollte jedoch in deinem Bewusstsein sein, dass auch dein Partner, deine Freunde, Kollegen etc. ebenfalls ihre eigenen Hauptdarsteller und Regisseure ihres Lebens sind.

  1. Ein stiller Geist und ein ruhiges Herz (Quiet Mind – Calm Heart TM ) *

Hiermit ist gemeint, dass es wichtig ist, dass du in der Lage bist, dich selbst zu beruhigen, dich selbst zu trösten oder Trost zu suchen, sowie deine Verletzungen heilen zu lassen. Ein stiller Geist und ein ruhiges Herz bewirken auch, dass deine Ängste und diffusen Empfindungen nicht Macht über dein Leben gewinnen. Es geht bei diesem Aspekt also um die selbstständige, ja, meditative Regulierung von Emotionen und Empfindungen: von überbordenden Liebesemotionen bis zu deinen Urängsten. Dazu ist es wichtig, deine inneren Gefühle und Unsicherheiten zunächst wahrzunehmen und anzuerkennen, als das was sie sind, nämlich Zustände und Erregungen in dir selbst. Zwar befindet sich der Reizauslöser, dein Trigger, zumeist im Außen, aber es liegt allein an dir zu entscheiden, inwieweit dich das psychisch wirklich trifft und in dich eindringt. Von dieser Metaebene aus kannst du sowohl die positiven, glücksbeflügelten Emotionen bewusst-rational in positive Energie umwandeln und für Deine Ziele und Vorhaben nutzen, als auch die destruktiven Emotionen abmildern oder gar unwirksam machen. Und da wären wir auch schon beim dritten Aspekt:

  1. Maßvolles Reagieren (Grounded Responding TM )

Hier geht es konkret darum, ruhig zu bleiben, also gegenüber deinem Partner, deinen Kindern, ja dir selbst gegenüber, nicht überzureagieren, auch wenn du heftigste Emotionen (z.B. im Steit, in Stresssituationen) in dir spürst. Besser ist es, erst einmal tief durchzuatmen, dich nicht gleich von der ersten heftigen Woge deiner Gefühle mitreißen zu lassen, loszuschreien oder sonstwie aufgebracht zu reagieren. Denn wenn du dich mitreißen lässt, wirst du es vielleicht bereuen und dir wünschen, es wieder rückgängig machen zu können. Aber gesagt ist gesagt und getan ist getan. Worte und Handlungen können schwer und dunkel im Raum stehen, wie durch einen bösen Zauber hingehext: sie strahlen ihre Wirkung aus und können überdauern. Ja gewiss, manchmal fühlt sich so ein Wutausbruch im Streit vielleicht wie eine Befreiung für dich an und tut dir gut. Aber da liegt der springende Punkt: sie tut dir gut und lässt den Anderen damit allein und stört sein emotionales Gleichgewicht. Innige Beziehungen leben davon, dass Partner, Eltern und Kinder sich gegenseitig mental spiegeln. David Schnarch nennt das den intersubjektiven Zustand und meint damit, dass wir uns mental in den anderen einfühlen. “Ja, das sind meine Gefühle (2. Aspekt), aber wie geht es denn wohl meinem Partner, meinem Kind in diesem Moment- was ist überhaupt die konkrete Situation in der wir beide uns befinden?” Wir alle können lernen, die Aufmerksamkeit bewusst von uns selbst und unseren Gefühlen abzuziehen und auch die mögliche Perspektive des anderen zu berücksichtigen. Damit gelingt es uns, die Dynamik der Situation im besten Fall durch Mitgefühl, Humor oder eine klare Ansprache zu überwinden. Dieser dritte Aspekt macht dich auch darauf aufmerksam, maßvoll zu reagieren, also der jeweiligen Situation angemessen: sie nicht kleiner oder größer zu machen, als sie eigentlich ist.  Daran schließt sich der vierte Aspekt an.

  1. Sinnvolle Beharrlichkeit (Meaningful Endurance TM )

Denn natürlich fühlen sich Konfliktsituationen nicht nach schönen Ferien am Strand an. Sie sind anstrengend und nervenaufreibend und gleichen wohl eher einem Trip durch die Wüste mit knappen Wasservorrat. Wir alle kennen den Impuls, unangenehme Situationen zu umgehen, bei Auseinandersetzungen davon zu laufen oder zu resignieren. Den vierten Aspekt nennt David Schnarch nicht umsonst nur Beharrlichkeit, nein, denn es braucht gleichfalls den Blick (ohne Scheuklappen) fürs Sinnvolle, welche Themen also aktuell wirklich bedeutsam sind. Bist du bereit, daran zu arbeiten und das Ringen um eine Lösung auszuhalten? Wenn Du dir vorstellst, wie es in der Zukunft sein könnte, wenn Du jetzt dran bleibst und nicht resignierst, kann Dir das helfen, den Fokus auf das Wesentliche hierbei nicht zu verlieren.

Alle vier Aspekte sind miteinander verbunden. Wenn wir also uns selbst akzeptieren, unseren Prinzipien treu sind, unsere Werte leben, wissen wir, wofür es sich lohnt, auch Widrigkeiten und Stürme bzw. trockene Wüstenlandschaften zu durchstehen. Unbehagen und Schmerzen können wir um des inneren Wachsens und Reifens willen ertragen lernen. Wachstumsschmerzen gehören zum Leben und Lernfrust zum Lernprozess.

Ich kann übrigens Elternpaaren, die schon länger miteinander leben und die in ihrer Beziehung sexuellen Frust verspüren, das Buch von David Schnarch wärmstens empfehlen:

Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen

* Hier findest du meine Entspannungsmeditation für gestresste Eltern, die dir diesbezüglich nützlich sein kann. 

Posted by Anne Brandt

Pädagogin, Kommunikationstrainerin & Familien- und Paarcoach. Ich arbeite kreativ und intuitiv vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ich unterstütze Dich darin, Deinen Familientraum zu leben.

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