Familie in Balance

Ohnmacht der Sprache

Ohnmacht der Sprache

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Oftmals suchen mich Klienten genau deshalb auf: sie klagen über eine schwierige Kommunikation mit ihren Kindern und/oder mit ihrem Lebenspartner. Und es fühlt sich ja wirklich nicht gut an, wenn Du versuchst, Deinem Partner oder Kind etwas zu kommunizieren und diese machen dicht, blockieren und Du hast das Gefühl, gegen eine dunkle Mauer zu reden, in der die eigenen Worte jedoch keinen Widerhall finden. Viele Coachees berichten davon, wie hilflos und ohnmächtig sie sich dann fühlen.

Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, möchte ich Euch gerne das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun vorstellen (siehe Abbildung) und Euch damit erläutern, was Kommunikation eigentlich so komplex macht. Schulz von Thun hat ein Bild von vier Zungen (also für denjenigen der spricht) und vier Ohren (also für denjenigen, der zuhört) entwickelt. Mit diesem Kommunikationsquadrat lässt sich wunderbar veranschaulichen, warum ein Kommunikationsakt so verwirrend sein kann.

Ich möchte an dieser Stelle aber schon einmal betonen, dass Kommunikation über Worte zwar einen entscheidenden Teil der Gesamtkommunikation ausmacht und für die Atmosphäre und das Management innerhalb der Familie sehr bedeutsam ist. Sie ist aber nicht alles! Es gibt durchaus Paare und Familien, die verstehen sich fast ohne Worte. Wir leben jedoch im Kommunikationszeitalter und jonglieren jeden Tag mit Worten, ob verbal oder online. Worte, einmal in die Welt gesetzt, verströmen einen gewissen Duft bzw. setzen eine bestimmte Wirkung frei. Hier können sich so viele Missverständnisse entspinnen. Ich plädiere daher für einen bewussteren Umgang mit der eigenen Sprache.

Genau hier setzt das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun an: Ja, es handelt sich dabei ‚nur‘ um ein theoretisches Modell, aber ich finde, es gibt uns einen guten Einblick in die Vielschichtigkeit eines jeden Kommunikationsprozesses. Kommunikation ist eben nicht einfach technisch zu verstehen. Es gibt da nicht nur den Sender einer Information und einen Empfänger. Dieses Modell ist überholt und viel zu simpel gedacht. Kommunikation ist so tiefgründig und vielschichtig, wie die Menschen dahinter. Und Kommunikation besteht nicht nur aus Worten. Paul Watzlawick stellte einmal das Axiom auf: Man kann nicht nicht kommunizieren. Denn auch wenn Dein Partner oder Dein Kind blockiert, sich zurückzieht, Dir verbal nicht antwortet, stellt auch das einen Akt der Kommunikation zwischen Euch dar.

Kommunikation lässt sich als ein bizarres Spiel begreifen, das auf vier Spielfeldern gleichzeitig gespielt wird. Schulz von Thun spricht hierbei auch vom Simultancharakter von Kommunikation. Auf dem Bild oben siehst du die vier Felder.

Aber was bedeutet das Ganze nun? Also:

Wenn Du eine Äußerung von Dir gibst, sendest Du zugleich vier Botschaften:

1. einen Sachinhalt bzw. eine Information über die Verhältnisse in der Welt. Nehmen wir zur Veranschaulichung ein Beispiel, mitten aus dem Familienleben gegriffen. Du sagst zu Deinem Partner: „So selten, wie du zu Hause bist, da leiden auch die Kinder schon darunter.“ Auf der Sachebene, die also einen Teil des großen Quadrates darstellt, stellt diese Äußerung einen schlichten und überprüfbaren Sachverhalt dar. Stellt Euch vor, Mr. Spock spricht zu seiner Frau. Man könnte diese Äußerung also ganz rational betrachten.

Zumeist senden wir aber noch mehr Informationen. Und auch in diesem Satz: „So selten wie du zu Hause bist, da leiden auch schon die Kinder darunter„, schwingt höchstwahrscheinlich mehr mit: Du sendest nämlich oftmals zugleich auch (2.) eine Beziehungsbotschaft, die signalisiert, was Du von dem anderen hältst, ob Du ihn schätzt, liebst, ihn als gleichberechtigt akzeptierst, ihn kritisch siehst, ernst nimmst oder nicht usw. Diese Beziehungsbotschaft bildet einen zweiten Teil des großen Quadrates. In unserem Beispiel könnte es bedeuten, dass Du den Lebenswandel deines Partners momentan schwierig findest, dass er zu viel arbeitet und sich zu wenig um die Familie bzw. den Haushalt kümmert. Du sprichst es vielleicht nicht explizit aus, aber diese Botschaft könnte also in deiner Äußerung mitschwingen.

Eine Botschaft kann aber auch viel über Dich und Deine momentane Verfassung aussagen. Du sendest nämlich immer auch eine Kostprobe Deiner eigenen Persönlichkeit, Du gibst etwas von Dir preis, lässt erkennen, wie es Dir geht, was Dich interessiert, umtreibt oder quält usw. Schulz von Thun nennt das die (3.) Selbstkundgabe. Die Selbstkundgabe stellt das dritte kleine Quadrat im Großen dar. In meinem Beispiel: „So selten wie du zu Hause bist, da leiden auch schon die Kinder darunter„, kann das versteckte Thema also ebenso sein: Du fühlst Dich allein gelassen mit den Kindern, dem Haushalt etc. Du bist gerade nicht glücklich damit wie es läuft. Auch Du selbst, und nicht nur die Kinder, vermissen den Partner sehr.

Die Botschaft kann auch schlicht vor allem einen (4.) Appell beinhalten: Du möchtest Einfluss nehmen, mit Deiner Aussage etwas erreichen, im Gegenüber etwas auslösen, etwas bewirken usw. Dieses appellative Seite stellt das vierte kleine Quadrat im großen Kommunikationsquadrat dar. In meinem Beispiel: Du möchtest einfach, dass Dein Partner mehr Zeit mit den Kindern verbringt. Oder Du möchtest mal wieder mehr Zeit für Dich haben, um abends ausgehen zu können, Dich mit Freunden zu treffen etc.

Wichtig ist zu verstehen, dass in einer Äußerung nicht alle Ebenen gleich stark repräsentiert sein müssen: mal steht der Sachinhalt im Vordergrund einer Kommunikation, mal stärker die appellative Seite, dann wieder geht es dem Sender mehr um eine Form der Selbstkundgabe.

Ja, ich weiß, das macht das Verständnis füreinander natürlich nicht gerade einfacher. Aber es ist in meinen Augen von Vorteil, sich dieser vier Bereiche, die in einem Kommunikationsakt immer mitschwingen, auch bewusst zu sein. Meiner Meinung nach ist es übrigens so, dass je besser ihr eurer Gegenüber kennt, liebt und respektiert, umso mehr könnt ihr auch von dem Kommunikationsquadrat profitieren. Eine empathische Form von Kommunikation gelingt vor allem dann, wenn wir den anderen schon ein bisschen kennen und wissen, wie wir ihn sozusagen zu nehmen haben.

Und um das Ganze noch ein bisschen verzwickter zu machen: denn auch als derjenige, der angesprochen wird bzw. der der zuhört, hörst Du nun quasi mit vier Ohren. Dabei wirst Du, je nach Persönlichkeitstyp, wahrscheinlich ein Ohr stärker favorisieren. Hierbei spielen, ebenso wie in Deiner Sprecherrolle, übrigens Deine persönlichen Erfahrungen in deiner Ursprungsfamilie eine bedeutsame Rolle. So wurdest Du in deiner Kindheit mit einem bestimmten Kommunikationsmuster vertraut, welches Dich höchstwahrscheinlich auch im Erwachsenenalter begleitet. Aber das würde jetzt an dieser Stelle zu weit führen. Nur soviel: natürlich sind Kommunikationsmuster auch wandelbar.

Du hörst also Deinem Partner oder Kind ebenfalls mit vier Ohren zu, wobei Du situationsabhängig und je nach deinem Temperament eines bevorzugen wirst.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel von eben: „So selten wie du zu Hause bist, da leiden auch schon die Kinder darunter“. Stell Dir also vor, Du wirst mit diesem Satz von Deinem Partner konfrontiert. Es liegt nun an Dir, welches deiner vier Ohren Du benutzt bzw. auch auf welche der vier ankommenden Botschaften Deines Partners du reagieren willst. Yes, Du hast die Wahl! An dieser Stelle wird auch klar, welche Macht Du als Empfänger einer Botschaft hast, die den weiteren Verlauf der Kommunikation maßgeblich mitbestimmt.

Hörst Du mit dem Sach-Ohr? Geht es Dir also primär um die überprüfbaren Inhalte einer Äußerung? Dann würdest Du in diesem Fall wohl heraushören: „Ich bin, erstens, selten zu Hause. Zweitens, die Kinder leiden. Das Leiden der Kinder wird, drittens, eben dadurch ausgelöst, dass sie mich kaum sehen.“ Du könntest in diesem Fall zurückfragen: „Woran machst du fest, dass die Kinder leiden? Erzähl mal!“

Hörst Du lieber mit dem Selbstkundgabe-Ohr? Versuchst Du also, den Menschen hinter der Äußerung zu erspüren, ihn zu begreifen? Du würdest in diesem Fall vielleicht empathisch reagieren und die Enttäuschung und die Verzweiflung deines Partners aufnehmen. Es würde Dir dann vielleicht sogar auffallen, dass Dein Partner auch gesagt hat, dass also auch er Dich vermisst. So würdest Du vielleicht erwidern: „Fühlst du dich sehr allein gelassen mit den Kindern und all den familiären Angelegenheiten?“

Oder hörst Du eher mit dem Beziehung-Ohr und reagierst vor allem darauf, wie Du Dich selbst als Mensch angesprochen und behandelt fühlst? Dich würde in diesem Fall wahrscheinlich vor allem der Vorwurf Deines Partners erreichen und Du würdest den Satz vielleicht so für sich übersetzen: „Du bist ein schlechter Vater bzw. eine schlechte Mutter, bist schuld am Leid und Elend der Familie!“ Hier könnte sich also ein handfester Streit anbahnen, der oftmals in einem Teufelskreis endet, wenn beide nur die Vorwürfe des anderen heraushören. Macht es dann wohl Sinn, zu erwidern: „Verdammt noch mal, meinst du, es macht mir Spaß, dauernd Überstunden zu schieben? Denkst du, das ist mein Hobby? Ja?“

Du könntest natürlich auch schlicht mit Deinem Appell-Ohr horchen, Dich also vor allem der Frage zuwenden, wozu der andere Dich mehr oder minder deutlich auffordern möchte? Dich erreicht dann wohl diese Botschaft: „Kümmere dich mehr um uns! Tu was!“ Wenn Du appellmäßig reagierst, schlägt Du eventuell ja gleich eine konstruktive Lösung vor: „Lass uns am Wochenende einmal zusammen eine große Fahrradtour machen!“

Beobachte bei nächster Gelegenheit doch einmal bewusst, auf welcher Ebene Du eine Botschaft sendest (Deine Perspektive als Sprecher) und mit welchem Ohr Du bevorzugt hörst. Versuche dann auch zu erspüren, wie Du den Verlauf einer Kommunikation durch einen Ebenen- oder „Ohr“wechsel gezielt beeinflussen kannst.

 Shownotes:

Mehr zum Kommunikationsquadrat findest Du hier:

Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden, Band 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation

Auch sehr empfehlenswert und schon ein Klassiker, wenn Du mehr über die Heimtücken unserer Verständigung wissen möchtest:

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

Posted by Anne Brandt in Familie in Balance, Kommunikation, 0 comments
4 Aspekte für ein emotionales Gleichgewicht

4 Aspekte für ein emotionales Gleichgewicht

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Um unsere engsten Beziehungen zu erfüllten Beziehungen erblühen zu lassen, müssen wir in unserem Leben immer wieder drei Ebenen reflektieren.

Die erste Ebene ist die der Selbstreflexion. Mit ihr verbinden sich auch Schlagworte wie Selbstentfaltung, Selbstempfindung oder Selbstbestimmung. Wer bin ich? Was will ich? Wohin zieht es mich? Was sind meine Werte und Ziele im Leben? Auf dieser Ebene geht es darum, immer wieder zu erspüren, was mir gut tut, was mir Energie gibt und auch, was mir Energie raubt. Es geht um meine ganz individuellen Bedürfnisse, ganz unabhängig übrigens von meinem Partner, meinen Kindern und dem Rest der Familie. Es geht darum, mein Selbst zu stärken und mir dieser Stärke vor allem auch bewusst zu sein.

Auf der zweiten Ebene geht es um die Gestaltung von Beziehungen und hier vor allem um Zweierbeziehungen, also um die Paarebene. Auch wenn ihr als Elternpaar getrennte Wege gehen solltet, seid ihr dennoch als Elternpaar verbunden. Und wenn Du alleinerziehend sein solltest, rückt hier Dein soziales Netzwerk in den Blick bzw. Dein Wunsch nach Zweisamkeit. So stehen auf dieser Ebene zum Beispiel folgende Fragen im Fokus: Was ist mir in einer Beziehung wichtig? Wie verhalte ich mich meinem (Ex-)Partner gegenüber? Erkenne ich die Individualität meines Partners an, sehe ich ihn bzw. sie wirklich? Schenken wir uns gegenseitig Energie oder rauben wir uns einander Energie? Wachsen wir gemeinsam an Herausforderungen? Als (Eltern-)Paar seid ihr quasi die Architekten eures Familienlebens. Arbeitet ihr als Team oder beschränkt ihr euch gegenseitig, auch in eurer Selbstentfaltung?

Auf der dritten Ebene sollten wir unsere Beziehungen innerhalb des vielschichtigen, dynamischen Systems unserer Familie reflektieren. Wie verhalte ich mich als Mutter oder Vater? Wie agiere ich, wie mein Partner innerhalb dieses Systems? Wie agieren wir als Paar? Wie reagieren unsere Kinder? Wie kommunizieren wir miteinander? Eurer Familiensystem könnt ihr euch wie ein Mobile vorstellen,  alles steht hier miteinander in Verbindung. Und unsere Kinder halten uns den Spiegel vor. Damit meine ich, wenn etwas nicht wirklich stimmig ist im Gesamtgefüge einer Familie, dann sind es vor allem die Kinder, die ihren Emotionen noch ganz uneingeschränkt freien Lauf lassen und uns somit auf die verletzte, brüchige Stelle im System aufmerksam machen.

Die drei Ebenen verstehe ich hierarchisch, denn erst wenn ich weiß, wer ich bin, was ich will etc., kann ich auch mit persönlicher Integrität in einer Zweierbeziehung leben. Die Qualität der Paarbeziehung widerum bestimmt maßgeblich, wie souverän wir als Eltern gemeinsam das Familienleben mit unseren Kindern gestalten.

Ich möchte euch heute gerne vier wesentliche Aspekte für ein emotionales Gleichgewicht vorstellen, die für alle drei Ebenen äußerst bedeutsam sind.

Der amerikanische Psychologe und Sexualtherapeut David Schnarch hat im Laufe seiner Arbeit mit Paaren vier Aspekte als essentiell für erfüllte sexuelle Beziehungen, und allgemein für menschliche Beziehungen, herausgearbeitet (→ David Schnarch: Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen) Die 4 Aspekte richten den Blick auf die Stärke und Eigenständigkeit unserer Persönlichkeit, die in jeglichen Beziehungen von Bedeutung sind und sich auch auf Interaktionen mit unseren Kindern, Eltern, Freunden und Kollegen auswirken.

  1. Ein stabiles und flexibles Selbst (Solid Flexible Self TM)

Du solltest Klarheit darüber gewinnen, wer du bist, was du wirklich willst, welche Ziele du anstrebst und nach welchen Prinzipien du dabei leben möchtest. Vor allem wenn in unserer Umgebung Menschen leben, die uns zu manipulieren versuchen oder uns verunsichern, ist es wichtig, bei sich zu bleiben. Je stabiler Dein Selbstempfinden ist, umso besser kannst du auch zulassen, dass dein Partner in deinem Leben eine wichtige Rolle einnimmt. Du bist dann klarer in deiner Kommunikation, übrigens auch deinen Kindern gegenüber. Du kannst dich zeigen, wie du bist, du bist authentisch. Du kannst bei anderen Menschen Rat suchen, dich von ihnen inspirieren und sogar in deinen Entscheidungen beeinflussen lassen. Aber du hast es selbst in der Hand, diese Entscheidungen wieder abzuändern bzw. anzupassen. Du kannst dich nämlich flexibel verhalten, ohne deine Identität und Integrität zu verlieren. Du bist der Hauptdarsteller und zugleich Regisseur deines Lebens und hast die Macht über das Drehbuch! Gleichzeitig sollte jedoch in deinem Bewusstsein sein, dass auch dein Partner, deine Freunde, Kollegen etc. ebenfalls ihre eigenen Hauptdarsteller und Regisseure ihres Lebens sind.

  1. Ein stiller Geist und ein ruhiges Herz (Quiet Mind – Calm Heart TM ) *

Hiermit ist gemeint, dass es wichtig ist, dass du in der Lage bist, dich selbst zu beruhigen, dich selbst zu trösten oder Trost zu suchen, sowie deine Verletzungen heilen zu lassen. Ein stiller Geist und ein ruhiges Herz bewirken auch, dass deine Ängste und diffusen Empfindungen nicht Macht über dein Leben gewinnen. Es geht bei diesem Aspekt also um die selbstständige, ja, meditative Regulierung von Emotionen und Empfindungen: von überbordenden Liebesemotionen bis zu deinen Urängsten. Dazu ist es wichtig, deine inneren Gefühle und Unsicherheiten zunächst wahrzunehmen und anzuerkennen, als das was sie sind, nämlich Zustände und Erregungen in dir selbst. Zwar befindet sich der Reizauslöser, dein Trigger, zumeist im Außen, aber es liegt allein an dir zu entscheiden, inwieweit dich das psychisch wirklich trifft und in dich eindringt. Von dieser Metaebene aus kannst du sowohl die positiven, glücksbeflügelten Emotionen bewusst-rational in positive Energie umwandeln und für Deine Ziele und Vorhaben nutzen, als auch die destruktiven Emotionen abmildern oder gar unwirksam machen. Und da wären wir auch schon beim dritten Aspekt:

  1. Maßvolles Reagieren (Grounded Responding TM )

Hier geht es konkret darum, ruhig zu bleiben, also gegenüber deinem Partner, deinen Kindern, ja dir selbst gegenüber, nicht überzureagieren, auch wenn du heftigste Emotionen (z.B. im Steit, in Stresssituationen) in dir spürst. Besser ist es, erst einmal tief durchzuatmen, dich nicht gleich von der ersten heftigen Woge deiner Gefühle mitreißen zu lassen, loszuschreien oder sonstwie aufgebracht zu reagieren. Denn wenn du dich mitreißen lässt, wirst du es vielleicht bereuen und dir wünschen, es wieder rückgängig machen zu können. Aber gesagt ist gesagt und getan ist getan. Worte und Handlungen können schwer und dunkel im Raum stehen, wie durch einen bösen Zauber hingehext: sie strahlen ihre Wirkung aus und können überdauern. Ja gewiss, manchmal fühlt sich so ein Wutausbruch im Streit vielleicht wie eine Befreiung für dich an und tut dir gut. Aber da liegt der springende Punkt: sie tut dir gut und lässt den Anderen damit allein und stört sein emotionales Gleichgewicht. Innige Beziehungen leben davon, dass Partner, Eltern und Kinder sich gegenseitig mental spiegeln. David Schnarch nennt das den intersubjektiven Zustand und meint damit, dass wir uns mental in den anderen einfühlen. “Ja, das sind meine Gefühle (2. Aspekt), aber wie geht es denn wohl meinem Partner, meinem Kind in diesem Moment- was ist überhaupt die konkrete Situation in der wir beide uns befinden?” Wir alle können lernen, die Aufmerksamkeit bewusst von uns selbst und unseren Gefühlen abzuziehen und auch die mögliche Perspektive des anderen zu berücksichtigen. Damit gelingt es uns, die Dynamik der Situation im besten Fall durch Mitgefühl, Humor oder eine klare Ansprache zu überwinden. Dieser dritte Aspekt macht dich auch darauf aufmerksam, maßvoll zu reagieren, also der jeweiligen Situation angemessen: sie nicht kleiner oder größer zu machen, als sie eigentlich ist.  Daran schließt sich der vierte Aspekt an.

  1. Sinnvolle Beharrlichkeit (Meaningful Endurance TM )

Denn natürlich fühlen sich Konfliktsituationen nicht nach schönen Ferien am Strand an. Sie sind anstrengend und nervenaufreibend und gleichen wohl eher einem Trip durch die Wüste mit knappen Wasservorrat. Wir alle kennen den Impuls, unangenehme Situationen zu umgehen, bei Auseinandersetzungen davon zu laufen oder zu resignieren. Den vierten Aspekt nennt David Schnarch nicht umsonst nur Beharrlichkeit, nein, denn es braucht gleichfalls den Blick (ohne Scheuklappen) fürs Sinnvolle, welche Themen also aktuell wirklich bedeutsam sind. Bist du bereit, daran zu arbeiten und das Ringen um eine Lösung auszuhalten? Wenn Du dir vorstellst, wie es in der Zukunft sein könnte, wenn Du jetzt dran bleibst und nicht resignierst, kann Dir das helfen, den Fokus auf das Wesentliche hierbei nicht zu verlieren.

Alle vier Aspekte sind miteinander verbunden. Wenn wir also uns selbst akzeptieren, unseren Prinzipien treu sind, unsere Werte leben, wissen wir, wofür es sich lohnt, auch Widrigkeiten und Stürme bzw. trockene Wüstenlandschaften zu durchstehen. Unbehagen und Schmerzen können wir um des inneren Wachsens und Reifens willen ertragen lernen. Wachstumsschmerzen gehören zum Leben und Lernfrust zum Lernprozess.

Ich kann übrigens Elternpaaren, die schon länger miteinander leben und die in ihrer Beziehung sexuellen Frust verspüren, das Buch von David Schnarch wärmstens empfehlen:

Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen

* Hier findest du meine Entspannungsmeditation für gestresste Eltern, die dir diesbezüglich nützlich sein kann. 

Posted by Anne Brandt in Familie in Balance, Paartango, 0 comments
Die 3 magischen Z’s im Familienleben

Die 3 magischen Z’s im Familienleben

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Wir leben in trubeligen, oftmals sehr verunsichernden Zeiten. Dieser Umstand macht es Familien nicht leichter, ihr Familienglück zu finden. Es gibt jedoch drei wesentliche ‚Bausteine‘, die den familiären Schutzwall immer wieder aufbauen und erneuern: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Egal was im Außen sein mag, diese drei magischen Zutaten können wirklich als das Geheimnis für ein glückliches Familienleben gelten.

Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit: die drei magischen Z's im Familienleben.

Zeit ist so unendlich kostbar. Auch ich wünsche mir oft, an einem Tag würden mir mehr als ‚nur‘ 24 Stunden zur Verfügung stehen. Weniger Schlaf ist leider keine Option, zumindest für mich. Aber für unsere Kinder, für unsere Partnerschaft und gute Freunde braucht es auch gar nicht eine Fülle an gemeinsamen Stunden. Nein, es sind die kurzen Zeitspannen an einem Tag, in denen wir für unser Gegenüber GANZ da sind – das sind die wertvollen Momente, hier wächst die Bindung. Gerne wird dabei auch von Quality Time gesprochen. Wie Studien belegen, hängt der seelische Abstand beispielsweise für ein Kind zu seinen Eltern weniger von ihrer zeitlichen oder räumlichen Anwesenheit ab, als vielmehr von der seelischen Präsenz der Eltern. Erlebt ein Kind seine in Vollzeit berufstätigen Eltern in den anwesenden Stunden als feinfühlig und aufmerksam, dann geht es ihm gut. Denn umgekehrt können Eltern von dem Kind auch als abwesend und abgewandt empfunden werden, obwohl sie mit ihm den ganzen Tag zu Hause waren. So garantiert die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die Mutter, wie es gerne als Ideal dargestellt wird, keine sichere Bindung zum Kind. Umgekehrt schadet die Berufstätigkeit beider Eltern keinem Kind, wenn in die Eltern in den Familienzeiten ganz für das Kind da sind. Ganz da sein? Ja, mit den Augen und mit den Ohren. Anschauen, zuhören. Das bedeutet achtsame Zuwendung, in der Beziehung zu unserem Kind genauso wie zu unserem Partner. Fragen wie: „Na, was hast du so erlebt an diesem Tag, du hast ja ganz leuchtende Augen?“ oder „Was beschäftigt Dich, du siehst betrübt aus?“ lassen uns ins Plaudern (= entspannen!) kommen und zeigen wahres Interesse. Wichtig ist, sich in diesem Moment nicht gleich wieder von Banalitäten ablenken zu lassen, sondern in dem Moment der Aufmerksamkeit dem Anderen zugewandt zu bleiben. Wie lange? So lange, wie es braucht. Das können 3 oder 15 Minuten sein, mehr oder weniger. Wichtig ist vor allem, das Dein Kind oder Dein Partner in diesem Augenblick das Gefühl hat, dass Du ganz bei ihm bist, ihm in die Augen schaust. Klingelt das Handy, nicht so wichtig jetzt … das kann einen Moment warten … einfach stummschalten.

Das Prinzip der Aufmerksamkeit gilt auch, wenn Dein Kind (resp. Dein Partner) zu Dir kommt und Du eigentlich gerade beschäftigt bist, z.B. wie wir alle heutzutage zu oft mit unserem Smartphone oder mit anderen digitalen Medien. Dein Kind möchte Dir vielleicht etwas zeigen, was es entdeckt hat. Ja, dann lass Dich gerne kurz ablenken und Dich entführen in seine Welt. „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: Sterne, Blumen und Kinderaugen.“, wie es Dante Alighieri so schön zu sagen wusste, ein italienischer Dichter und Philosoph aus der Zeit der Renaissance. Freue Dich mit deinem Kind. Kinder erleben ihre Gefühle so unmittelbar, was wir als Erwachsene oftmals verlernt haben. Wenn Du natürlich wirklich etwas Wichtiges erledigen musst, dann lass es Dein Kind wissen: „Du, gerade geht es leider nicht, aber in 5 Minuten bin ich mit der E-Mail hier fertig und dann kannst Du mir zeigen, was Du entdeckt hast, ja.“ Das ist ein Versprechen und das solltest Du dann auch unbedingt einhalten. „Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.“; darauf beharren meine Kinder immer noch sehr. Diese Momente der Aufmerksamkeit können dann auch wunderbar mit Zärtlichkeiten beschlossen werden: ob mit einem zärtlichen Lächeln, einer innigen Umarmung oder einem zärtlichen Wort. Ja, und oftmals genügt allein das: eine zärtliche Geste, ohne große Worte.

Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: Sterne, Blumen und Kinderaugen. (Dante)

Übrigens, und Du weißt es sicherlich, wir sind für unsere Kinder Vorbild. Dein Kind schaut sich ganz genau an, wie Du mit Deiner Zeit umgehst, wie Du Zuwendung und Zärtlichkeiten schenkst. Nicht nur ihm gegenüber, sondern auch was Deinen Partner betrifft. Diese Muster prägen sich ihm ein, es wird sie nachahmen, auch später im Erwachsenenalter. Sieht Eurer Kind, dass ihr Euch umarmt und küsst, dass ihr miteinander lacht, dass ihr Euch gegenseitig Aufmerksamkeit schenkt? Wie schön wäre es doch, wenn sich solche Muster in seinem späteren Leben fortsetzen würden, oder?

Versuche in dieser Woche bewusst solche Momente der Aufmerksamkeit in Deinen Familienalltag zu integrieren. Dreimal täglich zehn Minuten aufmerksam miteinander reden und einmal täglich kuscheln wären optimal!

Posted by Anne Brandt in Familie in Balance, 0 comments