Kommunikation

Paartango und Kommunikation

Paartango und Kommunikation

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Fast jeder Streit in einer Beziehung beginnt damit, dass einer der Partner Kritik am anderen äußert. Und zumeist hat diese Kritik ihren Ursprung in den unterschiedlichen Erwartungshaltungen der Partner.  Kennst du das? Du hast eine Meinungsverschiedenheit mit Deinem Partner und warst der Überzeugung, die Situation, um die es dabei ging, auch aus seiner Sicht richtig interpretiert zu haben – Du lagst aber im Endeffekt völlig daneben? Oder Dein Partner ist Dir immer in den Redefluss gefallen, weil er meinte, schon zu wissen, was Du gleich sagen würdest? Solche Szenen enden nicht selten in einem Teufelskreis aus Kritik, Anschuldigung, Rechtfertigung und Resignation. Beide Partner fühlen sich unverstanden und nicht wirklich „gesehen“.

John Gottmann, ein amerikanischer Familientherapeut, hat vier Aspekte einer schleichenden Krise in einer Paarbeziehung ausgemacht, die oftmals auch die Trennung des Paares einläuten. Er nannte sie die Apokalyptischen Reiter. Das klingt gruselig und vielleicht denkt Ihr wie ich sogleich an den Holzschnitt von Albrecht Dürer im biblischen Kontext. Gottmann greift das biblische Bild der Apokalyptischen Reiter auf, um metaphorisch darzustellen, wie eine Beziehung nach und nach vergiftet und ihre emotionale Grundlage zerstört wird – und zwar nicht durch mysteriöse Geisterwesen, sondern die Lebenspartner selbst.

Der erste Reiter, der in einem wenig konstruktiven Streit gerne im wildem Galopp geritten kommt, stellt häufig eine verletzende Kritik am Partner dar. Beschwerden werden hierbei als persönlicher Vorwurf geäußert, die Schuld und Versagen implizieren. Schließt sich diesem ersten Reiter dann der zweite mit Namen Verachtung an, droht dem Paar oftmals schon die Umzingelung durch die apokalyptischen Reiter und der Teufelskreis ist in Gang gesetzt. Dieser zweite Reiter geht einher mit Sarkasmus und Zynismus, und äußert sich in Verfluchungen, Augenrollen, Verhöhnungen und einem abschätzigen, respektlosen Humor. Der dritte Reiter, mit Namen Verleugnung, provoziert Rechtfertigungen und Gegenangriffe der Partner. „Was habe ich damit zu tun?“, „Das Problem liegt doch bei dir!“ oder „Mach doch, was Du willst.“ Solche Worte klingen, als gäbe es kein Wir, kein gemeinsames Wachstum, keine wirkliche Bindung mehr. Kommt dann noch der vierte Reiter hinzu, der sich im Rückzug und Mauern der Partner anzeigt, haben die apokalyptischen Reiter nach Gottmann ihre zerstörerische Wirkung voll entfaltet.

Aber so muss es nicht kommen. Lasst den Apokalyptischen Reitern in Eurer Beziehung keinen Raum für ihren wilden Ritt! Und ich möchte hier gleich klarstellen, dass dies nicht heißt, dass Kritik in einer Partnerschaft nichts verloren hätte. Es kommt aber darauf an, wie sie geäußert wird und ob sie ihren konstruktiven Anteil entfalten kann. Denn Kritik bzw. Feedback kann eine Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung beinhalten, was ja nie verkehrt ist.

Und der eben schon erwähnte Johne Gottmann fand durch seine Studien auch heraus, dass es fünfmal so viele positive wie negative Begegnungen braucht, um die Partnerschaft zu erhalten. Das klingt viel, oder? Und vielleicht denkt ihr jetzt, dass es in einem stressigen Alltag mit Kindern kaum möglich ist, dieses Gleichgewicht zu halten. Doch, es ist möglich, aber es bedarf eben auch eines positiven Willens und ja, kleiner Anstrengungen in diese Richtung. Nur zu leicht lassen wir uns von unseren Launen leiten. Aber diese fünf positiven Begegnungen in einer Partnerschaft, von denen Gottmann spricht und auf die es ankommt, müssen keine Riesenevents sein. Nein, es sind oftmals die kleinen, stillen Momente mit der Riesenwirkung in unserem Herzen. Es geht in einer Partnerschaft nämlich vor allem um Achtsamkeit, Anerkennung und Wertschätzung. Achtsamkeit, Anerkennung und Wertschätzung sind sozusagen die guten Feen, die sich den apokalyptischen Reitern immer wieder entgegenstellen und sie einfach hinfortpusten.

Im Folgenden möchte ich Euch nun konkrete Tipps an die Hand geben, um eine Krise erst gar nicht entstehen zu lassen bzw. in einer Krise wieder zueinander zu finden.

Als erstes möchte ich Euch mit Zwiegespräch für Paare bekannt machen. Ich nenne es auch gerne den Wetterbericht.

Der Wetterbericht

Kannst Du Dir vorstellen, dass Dein Partner und Du Euch regelmäßig, etwa 3-4 mal in der Woche, Zeit für ein gemeinsames Gespräch nehmt? Zum Beispiel abends, wenn die Kinder im Bett sind. Wenn Euch Eure Beziehung zueinander wichtig ist, solltet Ihr Euch ohnehin regelmäßig die Zeit nehmen, beieinander zu sein, es Euch miteinander gemütlich zu machen, bei einem Glas Wein vielleicht. Der Wetterbericht liefert Euch einen Rahmen für ein gemeinsames Gespräch. Es ist dabei übrigens wertvoll, wenn Ihr Euch währenddessen in die Augen schaut und irgendwie in körperlichen Kontakt seid, z.B. durch Hände halten, eng beieinandersitzen oder auch, ja, umarmend. Das Gespräch kann 20 Minuten dauern oder 30, je nachdem. Ihr könnt nacheinander oder abwechselnd sprechen, so wie es für Euch passt und stimmig ist.

Wichtig ist, dass folgende Aspekte Bestandteil des Gesprächs sind:

  1. Wertschätzung ausdrücken

Teile Deinem Partner mit, was Du in Eurer Beziehung oder an ihm wertschätzt. Richte Deine Aufmerksamkeit bewusst auf einen positiven Aspekt in Eurer Beziehung. Beschreibe eine konkrete positive Situation und das Verhalten Deines Partners in dieser Situation, dass Du toll oder dankenswert empfindest. Zum Beispiel „Danke, dass Du heute die Wäsche abgenommen und aufgehangen hast.“ Oder auch „Ich bin so froh, dass wir zusammen sind und ich den Kindergeburtstag gestern nicht alleine meistern musste.“ Wertschätzungen machen einfach froh, stärken unser Selbstwertgefühl, lassen Vertrauen wachsen und uns hoffnungsvoll in Richtung Zukunft schauen.

  1. Neue Informationen und eigene Gefühle

Teilt Euch auch gegenseitig mit, was Ihr gerade als wichtig erlebt, welche Ideen in Eurem Kopf herumschwirren, was ihr erlebt habt, welche Gefühle euch gegenwärtig bewegen. Das können also zum Beispiel neue Ereignisse sein wie „Luis hat heute beim Mittagsessen einen Zahn verloren.“ Oder Pläne wie „Wir haben von Inga eine Einladung zum Grillen an diesem Wochenende bekommen. Magst du hingehen?“. Auch Informationen über die Arbeit gehören hierher wie „Heute haben sie entschieden, das Projekt in Chile nicht anzunehmen.“ Auch sollte an dieser Stelle Platz für Eure Gefühle sein, etwas „Ich war heute so emotional drauf, weil ich traurig war, denn ich hatte mich schon auf das Chile-Projekt gefreut, wie Du weißt.“

  1. Kopfzerbrechen und Nachspüren

Hier geht es darum, der Beziehung nachzuspüren und damit den Gefühlen und Gedanken des Partners. Zu oft versuchen wir, wie ich anfangs schon einmal sagte, in den Gedanken unseres Partners zu lesen und zu oft denken wir, wir würden dabei richtig liegen. Aber Vermutungen, Mutmaßungen führen oftmals zu unnötiger Verwirrung und zu Missverständnissen. Besser wäre es, schlicht nachzufragen, sich zu vergewissern, ob man das Gesagte richtig verstanden hat. Ein Beispiel: „Du warst heute Morgen so kurz angebunden, nur ein flüchtiger Abschiedskuss. Bist Du noch immer sauer auf mich wegen der Sache mit deinen Eltern?“ „Ja, irgendwie schon. Ich bin deswegen echt genervt, ich fand deine Reaktion nicht so toll.“ „Hm. Okay, Du bist echt noch sauer auf mich. Bitte entschuldige. Was genau hat Dich an meiner Reaktion so sehr gestört?“

  1. Wünsche, Hoffnungen, Träume mitteilen

Der vierte Punkt sollte für das Gespräch ebenfalls essentiell sein: es geht darum, die gemeinsame Zukunft in den Blick zu nehmen, sie mit Wünschen und Träumen auszugestalten. Beispiel: „Ich würde so gerne mit Dir mal wieder ein Wochenende allein an der Ostsee verbringen.“ Oder „Eine schöne Vorstellung, mit Dir in 40 Jahren zusammen hier auf der Gartenbank bei einem Erdbeerkuchen zu sitzen und unseren Enkelkindern beim Spielen zuzuschauen.“

In einer Beziehung, in der beide sich immer wieder füreinander entscheiden, wirkt der Wetterbericht wie eine frische Energiedusche und wird Eurer Wir-Gefühl in hohem Maße stärken. Vielleicht wird ja der Wetterbericht zu einem täglichen oder wöchentlichen Ritual für Euch. Schreibt mir gerne, welche Erfahrungen Ihr damit gemacht habt.

An dieser Stelle sei aber auch an Deine Intuition appelliert. Denn gerade der vierte Punkt kann bei einem unsicher gebundenen Partner, also einem Partner, der gerade an der Beziehung und der gemeinsamen Zukunft zweifelt, zu Abwehrreaktionen führen. Darüber werde ich in einer der nächsten Podcast-Folgen sprechen.

Was jedoch, wenn sich ein oder zwei apokalyptische Reiter schon in eure Beziehung eingeschlichen haben, ihr aber weiterhin an eine gemeinsame Zukunft glaubt?

Dann solltest Du bzw. Ihr es mal mit dem Immer-schön-geschmeidig-Anti-Drama-Drehbuch versuchen.

Immer-schön-geschmeidig-Anti-Drama-Drehbuch (IsgADD)

Die Drama-Situation ist schon da? Deine Partnerin bzw. Dein Partner hat sich auf das Pferd des ersten apokalyptischen Reiters geschwungen und donnert Dir mit spitzen Giftpfeilen entgegen.

Bleib geschmeidig

Dann heißt es erst einmal, tief durchatmen. Ja, bevor Du jetzt irgendetwas sagst oder tust, dass Du nachher selbst nicht mehr verstehst und bereust, atme tief ein und aus, 3 mal, tief ein und ausatmen.

Entwaffnung

Dann geht es im zweiten Schritt zunächst darum, den Partner zu entwaffnen. Den Partner entwaffnen, heißt auch, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie das gehen soll? Gib Deinem Partner, was er von Dir möchte: ja, gib ihm recht! Natürlich ist das jetzt keine Aufforderung, Dich selbst und Deine Gefühle zu verleugnen. Du sollst ihm auch gar nicht hundertprozentig recht zu geben, wenn Du weißt, dass seine Kritik nicht Hand und Fuß hat, sondern nur ein bisschen. Es geht hier nämlich nicht darum zu klären, wer denn nun recht hat, sondern darum, im Drama zueinanderzufinden. Dich kostet das in diesem Moment die Überwindung Deines Stolzes, denn unser natürlicher Reflex, wenn wir angegriffen werden, ist, uns zu verteidigen und die persönliche Niederlage abzuwehren. Aber, die Zauberfrage lautet: Was ist in diesem Moment eigentlich wichtiger: recht zu bekommen und Deinen Stolz zu bewahren oder Nähe und Glück? Denn meistens steckt ja zumindest ein Fünkchen Wahrheit in den Vorwürfen unserer Partner. Wenn Dein Partner Dir zum Beispiel sagt: „Du hörst mir nie richtig zu!“, wäre eine Reaktion nach dem Anti-Drama-Drehbuch: „Du hast recht. Manchmal höre ich Dir wirklich nicht richtig zu.“ Und nun sollte sogleich noch eine Lösungsidee folgen, oder Du wirst gleich aktiv. Zum Beispiel: „Ich werde versuchen, Dir ab sofort besser zuzuhören. Und ich halte jetzt für 10 Minuten meinen Mund und spitze meine Ohren und werde Dir ganz und gar ergeben zuhören, ohne Dir dazwischen zu funken, okay?“ Eine andere Möglichkeit der Entwaffnung, die fast immer funktioniert, stellt übrigens das gute alte Wort Entschuldigung dar – aber nur, wenn Du es auch so meinst.

Aktiv zuhören und nachfragen

Das Bespiel von eben verdeutlicht überhaupt zwei wesentliche Aspekte im Anti-Drama-Drehbuch: Wenn Dein Partner bzw. Deine Partnerin das Gefühl hat, wirklich gehört und gesehen zu werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Dramas gegen Null. Aktives Zuhören versus passives Zuhören. Schau Deinem Gegenüber also in die Augen und nicht auf Dein Handydisplay oder in der Landschaft umher. Versuche die Worte Deines Partners wirklich zu verstehen und frage nach, wenn Du etwas nicht verstanden hast. Super ist es auch, wenn Du eine kleine Zusammenfassung des Gesagten gibst, um Dich zu vergewissern, dass die mitgeteilten Gefühle und Infos richtig bei Dir angekommen sind. Dabei geht es nicht darum, mit Deinem Partner einer Meinung zu sein, sondern ihm den Beweis Deiner Mühe zu liefern.

Paint your mood

Beschreib Deinem Partner auch Deine Gefühle. Mit Sätzen wie: „Da willst mich einfach nicht verstehen.“ oder „Da haben wir’s, Du liebst mich einfach nicht mehr.“ vergrößert sich der Unmut in Deinem Partner nur noch. Versuche stattdessen Deine Gefühle in Worte zu fassen. Und ja, „Ich fühle…“ ist dafür ein guter Satzanfang. Zum Beispiel: „Ich fühle mich einfach so allein damit.“ Aber auch schlichte „Ich bin…“-Sätze sind gut. „Ich bin traurig, eifersüchtig, gestresst, enttäuscht etc.“ Denke daran, Dein Partner kann nicht in Deinen Kopf schauen. Das funktioniert selbst in der symbiotischsten Beziehung nicht. Also, teile Deinem Partner ganz offen und ehrlich Deine Gefühle mit.

Stroking (Streicheln)

Man überzeugt einen anderen nicht so sehr mit dem Kopf als vielmehr mit dem Herzen. So lautet ein Geheimnis gelingender Kommunikation: Lass Deinen Partner spüren, dass Du es gut mit ihm meinst. Schmeichel ihm, weil Du ihn liebst trotz der momentanen Drama-Situation. Du kannst das mit Worten tun: „Ich bin gerade wirklich wütend auf dich. Aber ich möchte Dich nicht missen. Keiner bäckt doch so guten Kirschkuchen wie Du.“ Du kannst Deine Zuneigung aber auch mit Deinem Körper und Deiner Stimme ausdrücken, indem Du eine offene und interessierte Haltung einnimmst, anstatt mit dem Kopf zu schütteln, vor Dich hin zu knurren oder Deine Arme zu verschränken.

VW-Regel

Und falls Dir selbst eine Kritik an Deinem Partner auf der Zunge liegt, möchte ich Dir die VW-Regel ans Herz legen. Nein, die hat rein gar nichts mit dem Autohersteller zu tun, sondern besagt, dass es für Eure Paarbeziehung förderlicher ist, wenn Du einen Vorwurf in einen konkreten Wunsch verwandelst. So steht das V steht für Vorwurf und das W für Wunsch. Hinter jeder Kritik verbirgt sich eine Erwartung oder auch Sehnsucht. Wenn ihr Euch gegenseitig Eure Erwartungen (zum Beispiel in Form des zuvor erwähnten Wetterberichts) mitteilt, wird es automatisch weniger Streitquellen geben. Noch einmal: Dein Partner kann nicht Deine Gedanken und Gefühle lesen, so lange Du sie in Dir verschlossen hältst. Und wie kann die VW-Regel nun beispielsweise in einem konkreten Beispiel aussehen? Statt Deinem Partner an den Kopf zu knallen, dass er nie da ist, wenn Du ihn brauchst (Superlative sind übrigens auch immer problematisch, versuche sie zu vermeiden), könntest Du sagen: „Du bist momentan sehr beschäftigt mit Deinem Job und wir verbringen weniger Zeit miteinander. Ich wünsche mir wieder mehr Zeit mit Dir und ich möchte das Gefühl haben, dass Du für mich da bist, wenn ich Dich brauche.“

Statt zu streiten, solltet ihr die Frühlingsgefühle und die flirrende Sommerstimmung nutzen, um die gemeinsame Zeit zu genießen und schöne gemeinsame Erinnerungen zu schaffen. Erinnerst Du Dich noch an das 5:1 Verhältnis nach Gottman? Fünf positive Erlebnisse werten ein weniger gutes ab? Eine gute Beziehung hat auch immer mit einer positiven Grundhaltung der Partner zu tun. In der Art von: „Ich respektiere Dich, so wie Du bist, und möchte Dich diesen Respekt auch spüren lassen.“ Liegt Dir Eure Beziehung am Herzen, konzentriere Dich auf diese Grundhaltung – vor allem, wenn wieder ein Streitthema in der Luft liegt.

Hier kannst Du Dir sowohl den Wetterbericht als auch das Immer-schön-geschmeidig-Anti-Drama-Drehbuch herunterladen.

Posted by Anne Brandt in Kommunikation, Paartango, 0 comments
Ohnmacht der Sprache

Ohnmacht der Sprache

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Oftmals suchen mich Klienten genau deshalb auf: sie klagen über eine schwierige Kommunikation mit ihren Kindern und/oder mit ihrem Lebenspartner. Und es fühlt sich ja wirklich nicht gut an, wenn Du versuchst, Deinem Partner oder Kind etwas zu kommunizieren und diese machen dicht, blockieren und Du hast das Gefühl, gegen eine dunkle Mauer zu reden, in der die eigenen Worte jedoch keinen Widerhall finden. Viele Coachees berichten davon, wie hilflos und ohnmächtig sie sich dann fühlen.

Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, möchte ich Euch gerne das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun vorstellen (siehe Abbildung) und Euch damit erläutern, was Kommunikation eigentlich so komplex macht. Schulz von Thun hat ein Bild von vier Zungen (also für denjenigen der spricht) und vier Ohren (also für denjenigen, der zuhört) entwickelt. Mit diesem Kommunikationsquadrat lässt sich wunderbar veranschaulichen, warum ein Kommunikationsakt so verwirrend sein kann.

Ich möchte an dieser Stelle aber schon einmal betonen, dass Kommunikation über Worte zwar einen entscheidenden Teil der Gesamtkommunikation ausmacht und für die Atmosphäre und das Management innerhalb der Familie sehr bedeutsam ist. Sie ist aber nicht alles! Es gibt durchaus Paare und Familien, die verstehen sich fast ohne Worte. Wir leben jedoch im Kommunikationszeitalter und jonglieren jeden Tag mit Worten, ob verbal oder online. Worte, einmal in die Welt gesetzt, verströmen einen gewissen Duft bzw. setzen eine bestimmte Wirkung frei. Hier können sich so viele Missverständnisse entspinnen. Ich plädiere daher für einen bewussteren Umgang mit der eigenen Sprache.

Genau hier setzt das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun an: Ja, es handelt sich dabei ‚nur‘ um ein theoretisches Modell, aber ich finde, es gibt uns einen guten Einblick in die Vielschichtigkeit eines jeden Kommunikationsprozesses. Kommunikation ist eben nicht einfach technisch zu verstehen. Es gibt da nicht nur den Sender einer Information und einen Empfänger. Dieses Modell ist überholt und viel zu simpel gedacht. Kommunikation ist so tiefgründig und vielschichtig, wie die Menschen dahinter. Und Kommunikation besteht nicht nur aus Worten. Paul Watzlawick stellte einmal das Axiom auf: Man kann nicht nicht kommunizieren. Denn auch wenn Dein Partner oder Dein Kind blockiert, sich zurückzieht, Dir verbal nicht antwortet, stellt auch das einen Akt der Kommunikation zwischen Euch dar.

Kommunikation lässt sich als ein bizarres Spiel begreifen, das auf vier Spielfeldern gleichzeitig gespielt wird. Schulz von Thun spricht hierbei auch vom Simultancharakter von Kommunikation. Auf dem Bild oben siehst du die vier Felder.

Aber was bedeutet das Ganze nun? Also:

Wenn Du eine Äußerung von Dir gibst, sendest Du zugleich vier Botschaften:

1. einen Sachinhalt bzw. eine Information über die Verhältnisse in der Welt. Nehmen wir zur Veranschaulichung ein Beispiel, mitten aus dem Familienleben gegriffen. Du sagst zu Deinem Partner: „So selten, wie du zu Hause bist, da leiden auch die Kinder schon darunter.“ Auf der Sachebene, die also einen Teil des großen Quadrates darstellt, stellt diese Äußerung einen schlichten und überprüfbaren Sachverhalt dar. Stellt Euch vor, Mr. Spock spricht zu seiner Frau. Man könnte diese Äußerung also ganz rational betrachten.

Zumeist senden wir aber noch mehr Informationen. Und auch in diesem Satz: „So selten wie du zu Hause bist, da leiden auch schon die Kinder darunter„, schwingt höchstwahrscheinlich mehr mit: Du sendest nämlich oftmals zugleich auch (2.) eine Beziehungsbotschaft, die signalisiert, was Du von dem anderen hältst, ob Du ihn schätzt, liebst, ihn als gleichberechtigt akzeptierst, ihn kritisch siehst, ernst nimmst oder nicht usw. Diese Beziehungsbotschaft bildet einen zweiten Teil des großen Quadrates. In unserem Beispiel könnte es bedeuten, dass Du den Lebenswandel deines Partners momentan schwierig findest, dass er zu viel arbeitet und sich zu wenig um die Familie bzw. den Haushalt kümmert. Du sprichst es vielleicht nicht explizit aus, aber diese Botschaft könnte also in deiner Äußerung mitschwingen.

Eine Botschaft kann aber auch viel über Dich und Deine momentane Verfassung aussagen. Du sendest nämlich immer auch eine Kostprobe Deiner eigenen Persönlichkeit, Du gibst etwas von Dir preis, lässt erkennen, wie es Dir geht, was Dich interessiert, umtreibt oder quält usw. Schulz von Thun nennt das die (3.) Selbstkundgabe. Die Selbstkundgabe stellt das dritte kleine Quadrat im Großen dar. In meinem Beispiel: „So selten wie du zu Hause bist, da leiden auch schon die Kinder darunter„, kann das versteckte Thema also ebenso sein: Du fühlst Dich allein gelassen mit den Kindern, dem Haushalt etc. Du bist gerade nicht glücklich damit wie es läuft. Auch Du selbst, und nicht nur die Kinder, vermissen den Partner sehr.

Die Botschaft kann auch schlicht vor allem einen (4.) Appell beinhalten: Du möchtest Einfluss nehmen, mit Deiner Aussage etwas erreichen, im Gegenüber etwas auslösen, etwas bewirken usw. Dieses appellative Seite stellt das vierte kleine Quadrat im großen Kommunikationsquadrat dar. In meinem Beispiel: Du möchtest einfach, dass Dein Partner mehr Zeit mit den Kindern verbringt. Oder Du möchtest mal wieder mehr Zeit für Dich haben, um abends ausgehen zu können, Dich mit Freunden zu treffen etc.

Wichtig ist zu verstehen, dass in einer Äußerung nicht alle Ebenen gleich stark repräsentiert sein müssen: mal steht der Sachinhalt im Vordergrund einer Kommunikation, mal stärker die appellative Seite, dann wieder geht es dem Sender mehr um eine Form der Selbstkundgabe.

Ja, ich weiß, das macht das Verständnis füreinander natürlich nicht gerade einfacher. Aber es ist in meinen Augen von Vorteil, sich dieser vier Bereiche, die in einem Kommunikationsakt immer mitschwingen, auch bewusst zu sein. Meiner Meinung nach ist es übrigens so, dass je besser ihr eurer Gegenüber kennt, liebt und respektiert, umso mehr könnt ihr auch von dem Kommunikationsquadrat profitieren. Eine empathische Form von Kommunikation gelingt vor allem dann, wenn wir den anderen schon ein bisschen kennen und wissen, wie wir ihn sozusagen zu nehmen haben.

Und um das Ganze noch ein bisschen verzwickter zu machen: denn auch als derjenige, der angesprochen wird bzw. der der zuhört, hörst Du nun quasi mit vier Ohren. Dabei wirst Du, je nach Persönlichkeitstyp, wahrscheinlich ein Ohr stärker favorisieren. Hierbei spielen, ebenso wie in Deiner Sprecherrolle, übrigens Deine persönlichen Erfahrungen in deiner Ursprungsfamilie eine bedeutsame Rolle. So wurdest Du in deiner Kindheit mit einem bestimmten Kommunikationsmuster vertraut, welches Dich höchstwahrscheinlich auch im Erwachsenenalter begleitet. Aber das würde jetzt an dieser Stelle zu weit führen. Nur soviel: natürlich sind Kommunikationsmuster auch wandelbar.

Du hörst also Deinem Partner oder Kind ebenfalls mit vier Ohren zu, wobei Du situationsabhängig und je nach deinem Temperament eines bevorzugen wirst.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel von eben: „So selten wie du zu Hause bist, da leiden auch schon die Kinder darunter“. Stell Dir also vor, Du wirst mit diesem Satz von Deinem Partner konfrontiert. Es liegt nun an Dir, welches deiner vier Ohren Du benutzt bzw. auch auf welche der vier ankommenden Botschaften Deines Partners du reagieren willst. Yes, Du hast die Wahl! An dieser Stelle wird auch klar, welche Macht Du als Empfänger einer Botschaft hast, die den weiteren Verlauf der Kommunikation maßgeblich mitbestimmt.

Hörst Du mit dem Sach-Ohr? Geht es Dir also primär um die überprüfbaren Inhalte einer Äußerung? Dann würdest Du in diesem Fall wohl heraushören: „Ich bin, erstens, selten zu Hause. Zweitens, die Kinder leiden. Das Leiden der Kinder wird, drittens, eben dadurch ausgelöst, dass sie mich kaum sehen.“ Du könntest in diesem Fall zurückfragen: „Woran machst du fest, dass die Kinder leiden? Erzähl mal!“

Hörst Du lieber mit dem Selbstkundgabe-Ohr? Versuchst Du also, den Menschen hinter der Äußerung zu erspüren, ihn zu begreifen? Du würdest in diesem Fall vielleicht empathisch reagieren und die Enttäuschung und die Verzweiflung deines Partners aufnehmen. Es würde Dir dann vielleicht sogar auffallen, dass Dein Partner auch gesagt hat, dass also auch er Dich vermisst. So würdest Du vielleicht erwidern: „Fühlst du dich sehr allein gelassen mit den Kindern und all den familiären Angelegenheiten?“

Oder hörst Du eher mit dem Beziehung-Ohr und reagierst vor allem darauf, wie Du Dich selbst als Mensch angesprochen und behandelt fühlst? Dich würde in diesem Fall wahrscheinlich vor allem der Vorwurf Deines Partners erreichen und Du würdest den Satz vielleicht so für sich übersetzen: „Du bist ein schlechter Vater bzw. eine schlechte Mutter, bist schuld am Leid und Elend der Familie!“ Hier könnte sich also ein handfester Streit anbahnen, der oftmals in einem Teufelskreis endet, wenn beide nur die Vorwürfe des anderen heraushören. Macht es dann wohl Sinn, zu erwidern: „Verdammt noch mal, meinst du, es macht mir Spaß, dauernd Überstunden zu schieben? Denkst du, das ist mein Hobby? Ja?“

Du könntest natürlich auch schlicht mit Deinem Appell-Ohr horchen, Dich also vor allem der Frage zuwenden, wozu der andere Dich mehr oder minder deutlich auffordern möchte? Dich erreicht dann wohl diese Botschaft: „Kümmere dich mehr um uns! Tu was!“ Wenn Du appellmäßig reagierst, schlägt Du eventuell ja gleich eine konstruktive Lösung vor: „Lass uns am Wochenende einmal zusammen eine große Fahrradtour machen!“

Beobachte bei nächster Gelegenheit doch einmal bewusst, auf welcher Ebene Du eine Botschaft sendest (Deine Perspektive als Sprecher) und mit welchem Ohr Du bevorzugt hörst. Versuche dann auch zu erspüren, wie Du den Verlauf einer Kommunikation durch einen Ebenen- oder „Ohr“wechsel gezielt beeinflussen kannst.

 Shownotes:

Mehr zum Kommunikationsquadrat findest Du hier:

Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden, Band 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation

Auch sehr empfehlenswert und schon ein Klassiker, wenn Du mehr über die Heimtücken unserer Verständigung wissen möchtest:

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

Posted by Anne Brandt in Familie in Balance, Kommunikation, 0 comments